Hofzinser

Ähnlich wie Robert Houdin in Frankreich wirkte in Wien Dr. Johann Nepomuk Hofzinser. Er war einer der genialsten, unstreitig aber der geistvollste Vertreter der magischen Kunst des 19. Jahrhunderts. Und doch war er so ganz anders als die anderen. Zunächst einmal blieb er zeitlebens Beamter und trieb seine Kunst nur nebenbei, als Amateur würden wir heute sagen. Er kam kaum über die Stadtgrenzen Wiens hinaus, und schließlich war er auch kein Bühnenkünstler, er war der Magier der »guten Gesellschaft«, zu der er nach Bildungs- und Lebensstand selbst gehörte. Sein Vater war ein wohlhabender Bürger, der seinen Sohn die höhere Schule besuchen und den philosophischen Doktorgrad erwerben ließ, so daß er Beamter im österreichischen Finanzministerium werden konnte. Doch war Hofzinser so musisch veranlagt, daß ihn der trockene Dienst nicht befriedigte. Zuerst griff er zur Geige, die er meisterhaft spielte. Genau wie später Marvelli, der die hofzinsersche Tradition fortsetzte. Dann gaben ihm die Vorstellungen von Bosco und Döbler die ersten Anstöße zur Magie.

Er war ein glühender Anhänger der Zauberkunst. Zusammen mit seiner Frau gab er ab 1852 in seiner Wohnung wöchentlich dreimal einen magischen Abend unter dem Motto "Eine 'Stunde der Täuschung". Hier traf sich die »bessere Gesellschaft« Wiens. Eintrittsgeld war ein blanker Golddukaten. Man saß in schweren Sesseln in einem Raum, der mit Ölgemälden, Teppichen und schweren Vorhängen die nötige Atmosphäre schuf. Das war der Rahmen, den Hofzinser brauchte, um sich voll entfalten zu können. Keine Geringere als die Frau des großen Compars Herrmann sagte von ihm: »Im Salon war er ein Gott!«

Mit seiner Frau zusammen führte er Gedankenlesen vor, das damals eine Sensation war. Aber seine besonderen Lieblinge waren die Spielkarten, er nannte sie seine poetischen Kinder. Hofzinser ist es zu danken, daß die Kartenmagie aus einer Spielerei zu einer wirklichen Kunst wurde, noch heute zehren alle Magier von seinen Ideen.

1865 schied Hofzinser aus dem Staatsdienst aus. Als "Berufskünstler konnte er nicht arbeiten, er war einfach nicht der Mann, um die große Masse zu begeistern. Als ihn eine zunehmende Lähmung auf das Krankenlager warf, mußte er ein Gemälde nach dem anderen verkaufen, nur um sein Leben fristen zu können. Verarmt und unbeachtet starb er 1875, nachdem er in maßloser Verbitterung bestimmt hatte, daß nach seinem Tode alle seine Aufzeichnungen und Geräte verbrannt werden sollten. Seine Frau die ihm ein Leben lang treu ergeben, hat diesen Wunsch wortwörtlich erfüllt.

Wenn wir heute überhaupt etwas von Hofzinser wissen, so verdanken wir es dem unermüdlichen Suchen des bekannten Wiener Zauberkünstlers Ottokar Fischer. Er scheute weder Mühe noch Kosten, er nahm mit ehemaligen Bekannten Hofzinsers Fühlung, so mit dem Zauberkünstler ,Heubeck, der dessen einziger Schüler war, und er kaufte Hofzinsersche Apparate, wo er sie nur auftreiben konnte. In seinen Büchern »Hofzinsers Kartenkünste« und »Hofzinsers, Zauberkünste« setzte er diesem Mann ein würdiges Denkmal. Lesen wir diese Werke heute, dann sind wir immer wieder erstaunt über den darin enthaltenen Ideenreichtum; und noch erstaunlicher ist, daß die meisten der Hofzinserschen Schöpfungen selbst heute, in der gleichen Form vorgeführt werden können wie damals.

Ich möchte Hofzinser als einen der größten Erfinder auf magischem Gebiet bezeichnen den wir kennen. Was er allein mit Karten schuf, ist unwahrscheinlich. Er verwendete doppelte, geteilte und durchsichtige Karten, er erfand viele neue Kartengriffe, er schuf aber auch neue Behelfe wie Kartensteiger, Ballkasten, Rosenspiegel, Tintenpokal, schwebenden Stab und Spiegelglas'. Er war auch der Erfinder des »Falloches«. In eine schwarze Samtdecke eines zarten Seitentischchens, die mit Arabesken bestickt war, schnitt er Löcher, die genau mit Löchern in der Tischplatte korrespondierten. Unter der Platte waren Beutel aus schwarzem Samt angebracht, wodurch das Loch selbst aus nächster Nähe nicht zu sehen Nan Jeder Magier kennt heute dieses Prinzip, doch kaum einer weiß, daß der Erfinder Dr. Hofzinser war.

(Jochen Zmeck: Wunderwelt Magie
mit freundlicher Genehmigung des Autors)